CALAS

CALAS Summer School: Frischer Blick auf eine lange Beziehung

50 Jahre Geschichte, drei Tage reger Austausch und neue Erkenntnisse: Bei der internationalen CALAS Summer-School diskutierten mehr als zwanzig Nachwuchskräfte über die Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika. Sie fand Ende September 2026 am Hauptsitz des Merian Centers in Guadalajara, Mexiko, statt.

Im Interview: Professor Dr. Wilfried Raussert, seit 2025 deutscher Direktor des Maria Sibylla Merian Centre for Advanced Latin American Studies (CALAS) und Professor für Nordamerikastudien an der Universität Bielefeld.

In Zeiten globaler Unsicherheiten ist es essenziell, Räume des Dialogs und der gemeinsamen Wissensproduktion zu schaffen. Das Maria Sibylla Merian Centre for Advanced Latin American Studies in the Humanities and Social Sciences (CALAS) bietet dafür eine einzigartige Plattform zwischen Lateinamerika und Europa. In seinem Netzwerk vereint CALAS drei deutsche und vier lateinamerikanische Universitäten. Das Merian Centre CALAS wird seit 2017 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert, um die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Lateinamerika zu stärken. Dazu zählt selbstverständlich auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses: Vom 23. bis 25. September 2026 führte die internationale CALAS Summer School 2026 Forschende aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen am CALAS-Hauptsitz in Guadalajara zusammen. Sie drehte sich um die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen Lateinamerika und den Vereinigten Staaten im Laufe der Zeit verändert haben.

250 Jahre US-amerikanisch-lateinamerikanische Beziehungen – was hat die CALAS Summer School sichtbar gemacht, das bisher zu wenig beachtet wurde, Herr Professor Raussert?

Unsere Summer School hat vor allem eines deutlich gemacht: Die Welt verändert sich, und damit muss sich auch der Blick auf die Welt verändern. Die Präsentationen und Diskussion haben gezeigt, dass sich die hegemonialen Einflussnahmen der USA in verschiedenen Ländern Lateinamerikas und der Karibik, die wir wiederholt in der Geschichte der Amerikas beobachten konnten, erneut verstärkt haben. Zudem wurde klar, dass sich zunehmend Verbindungen und Austauschprozesse herauskristallisieren, bei denen Ideen, Praktiken, Güter und Glaubensformen vom Süden in den Norden fließen – und diese neuen Formen der komplexen Verflechtung zwischen Nord und Süd zeigen sich auch auf globaler Ebene. Man denke an die Einflussnahme Chinas in Lateinamerika und US-amerikanische Gegenbewegungen darauf. Nachhaltig gezeigt hat sich, dass wir Lateinamerika nicht als eine homogene politische, kulturelle und ökonomische Einheit begreifen können. Auch die USA haben sich durch Süd-Nord Migration stark gewandelt und sich verstärkt konfliktbeladen dividiert. Die Erkenntnisgewinne dieser Summer School belegen, dass wir die Transformationsprozesse unserer Zeit in erster Linie hemisphärisch vernetzt und global bedingt verstehen können. Diese Forschungsausrichtungen sollten weiter ausgebaut werden.

Die aktuelle Projektphase (2025 bis 2029) von CALAS steht unter dem Titel „Creating Horizons: Accelerations, Emergences, Transformations“. Wie hat die Summer School dazu beigetragen?

Hatte sich die frühere Phase von CALAS vor allem dem Thema Krise und dessen Bewältigung gewidmet, so stehen in der laufenden Projektphase die Schöpfung von Horizonten als kreative und transformative Antworten auf Krise im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Zahlreiche Präsentationen und Diskussionen der CALAS Summer School beschäftigten sich konkret mit transformativen sozialen und kulturellen Praktiken in den Bereichen Migration, Gesundheitswesen, Kunst und Umweltfragen und reflektierten dabei neue Modelle des Zusammenlebens, der gerechten Verteilung, des Dialogs zwischen Mensch, Natur, Planet und Wissens- und Kunstproduktion. Auch wurde in vielen Beiträgen deutlich, dass sich der Wandel der Beziehungen zwischen den Ländern Lateinamerikas und der Karibik und deren Verflechtungen mit dem Norden und der globalen Welt durch digitale und soziale Medien extrem beschleunigt hat.

Seit vielen Jahren bringt die CALAS Summer School den wissenschaftlichen Nachwuchs aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen zusammen. Was bewirkt dieser Austausch?

Das stetig wachsende Interesse an den CALAS Summer Schools belegt die transnationale Wirkungskraft dieser Veranstaltungen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dreizehn Ländern und Disziplinen wie Politik-, Kultur-, Medien, Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Soziologie nahmen dieses Jahr teil. Der Austausch über die Jahre hat neue Netzwerke unter Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern hervorgerufen, die über die Veranstaltung hinaus Dialog und Austausch zu Forschungsfragen weiterführen. Das Konzept der CALAS Summer School Veranstaltung unterstreicht, dass zeitgenössische Forschung verstärkt kollaborativ und interdisziplinär ausgerichtet sein sollte, um den komplexen Wandel unserer Zeit begreifbar zu machen und wissenschaftliche Antworten auf die Fragen und Probleme der Gegenwart nachhaltig sicherstellen und transparent vermitteln zu können. Es unterstreicht ferner die Dringlichkeit, die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern in allen Disziplinen auszubauen, um interdisziplinäre Wissensproduktion jenseits rein nationaler Interessen auch zukünftig zu sichern.

Gibt es künftig neue Formate für Nachwuchsförderung und Transfer?

Die CALAS Summer School erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Center for InterAmerican Studies CIAS der Universität Bielefeld, dem Pazifikbüro des Deutschen Historischen Instituts Washington in Berkeley und dem Kunstmuseum MUSA der Universidad de Guadalajara. Diese Art der erweiterten Vernetzung hat sich als zusätzlich bereichernd erwiesen, da auf diese Art und Weise auch eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunstproduktion und der Transfer der wissenschaftlichen CALAS Arbeit an eine breitere Öffentlichkeit ermöglicht wurde. Es würde meiner Ansicht Sinn machen, zukünftige Nachwuchsförderung in ein Zusammenspiel mehrere Institutionen einzubinden, auch um die Reichweite der Wissensproduktion zu erweitern. Ebenfalls beabsichtigen wir, den Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst weiter zu vertiefen. Für das Frühjahr 2028 ist eine multimediale Ausstellung Encounters, Transformations, Visions geplant, die das CALAS Forschungslaboratorium zu Kunst und Kreativität dialogisch begleiten und sich insbesondere dem Thema „Horizonte Schaffen“ auch in partizipatorischer Form widmen wird.

Was steht als nächstes auf der Agenda?

Was speziell die Nachwuchsförderung betrifft, wird CALAS vom 2. bis 4. Juni 2027 eng mit dem CIAS der Universität Bielefeld und der International Association of Inter-American Studies im Rahmen der internationalen Konferenz Laboratories of Change: The Americas between Progress and Backlash an der Universität Bielefeld kooperieren. Im Kontext dieser Konferenz sind Workshops zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses konkret in Planung.

Besten Dank, Herr Professor Raussert, für die interessanten Einblicke!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 22. Oktober 2026; Fragen: Katrin Schlotter)

Quelle:  BMFTR-Portal für die Geistes- und Sozialwissenschaften https://www.geistes-und-sozialwissenschaften-bmftr.de/de/News-CALAS-Summ...

Fecha: 
Friday, October 30, 2026